Torsten Perner

Senior Consultant, Mobility & Rail

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Der kürzlich erschienene Mobilitätsmonitor 2020 bestätigt meinen Eindruck aus den Gesprächen und Beobachtungen der letzten Zeit: Er zeigt, dass der Radverkehr in Deutschland während der letzten Monate stark zugenommen hat. Fast ein Drittel der Befragten gab an, mehr Fahrrad zu fahren und dies auch nach Corona beibehalten zu wollen. Für einen klimaschonenden Verkehr muss die Förderung des Radverkehrs daher vor allem in Städten oben auf der Verkehrsagenda stehen.

Nicht nur ich sehe aktuell den seit Jahren hohen Handlungsdruck insbesondere in Großstädten wie Berlin oder München weiter ansteigen. Sogar der ADAC spricht davon, dass „in den vergangenen Jahren keine Mobilitätsform so stark gewachsen (ist) wie der Fahrradverkehr“. Meine jahrelange Erfahrung im Bereich Radwegeplanung zeigt, dass akute Soforthilfe möglich ist, aber mit längerfristigen Konzepten begleitet werden muss, um nachhaltige Erfolge zu erzielen.

Im Folgenden werde ich exemplarisch darlegen, welche Handlungsoptionen Kommunen haben, um das Fahrrad als CO2-schonendes Individualverkehrsmittel attraktiv zu gestalten. Kurzfristige Maßnahmen können bereits nach wenigen Wochen umgesetzt werden, mittelfristige Aktionen benötigen nur einige Monate und lediglich langfristige Konzepte brauchen einige Jahre für Planung und Umsetzung.

Kurzfristig: Pop-up-Radwege und autofreie Zonen

Viele Städte in Deutschland haben gezeigt, wie eine schnelle Antwort auf steigende Fahrradzahlen aussehen kann. Die Errichtung von Pop-up-Radwegen innerhalb weniger Wochen war die Reaktion auf den gestiegenen Radverkehr in vielen Städten während der Corona-Pandemie. In meiner Heimatstadt Berlin bekomme ich selbst mit, dass solche Maßnahmen nicht nur Fahrradfahrern nutzen. Auch der Autoverkehr läuft flüssiger, wenn Radfahrer nicht ständig auf die Straße ausweichen müssen und mehr Lieferzonen statt allgemeiner Parkplätze ausgewiesen werden. Dabei sollten auch zusätzliche Busspuren und der Ausbau des ÖPNV nicht vernachlässigt werden. Mit einem vernünftigen Mix aller Verkehrsträger können wir die Leistungsfähigkeit unserer Straßen deutlich erhöhen, Staus vermeiden und gleichzeitig die Aufenthaltsqualität verbessern. Davon profitieren dann auch Einzelhandel und Gastronomie entlang der Verkehrsadern. Dies ist auch ein Ziel der derzeitigen teilweise Sperrung der Friedrichstraße in Berlin für Autos.

In der Öffentlichkeit entsteht oft der Eindruck, dass Maßnahmen wie Pop-up-Radwege eher Ablehnung in der Bevölkerung erfahren. Aktuelle Zahlen beweisen jedoch das Gegenteil: So befürworten „gerade die jüngeren Generationen (…) deren dauerhaften Erhalt, und selbst die über 60-Jährigen stimmen mehrheitlich (60 Prozent) dafür“. Die anfangs verteufelten Anpassungen in der Friedrichsstraße finden sogar bei den ansässigen Kaufhäusern Anklang. Meiner Ansicht nach zeigt das deutlich, dass ein großer Teil der Bürgerinnen und Bürger offen sind für diese Art von kurzfristiger Hilfe für den Fuß- und Radverkehr sowie ÖPNV. Viele andere Städte wie Paris oder Brüssel machen diese Erfahrungen schon lange und gehen bei der nachhaltigen Umgestaltung des öffentlichen Raums mutige neue Wege.

Mittelfristig: Sharing is Caring und Ausbau der bestehenden Radwege

Mittelfristig sehe ich den Fokus auf dem Ausbau der bereits vorhandenen und daher stark benutzten Radverkehrsinfrastruktur. Ein letzte Woche erschienener Test des ADAC stellte fest, dass in Deutschland jeder dritte Radweg schmaler ist als die Mindestbreite von 1,6m - empfohlen sind mehr als 2m. Die meisten Städte bekamen in diesem Test die Note „ausreichend“ und sollten hier dringend nachbessern. Für den Ausbau bestehender Radwege ist der Platzbedarf weniger groß als für neue Strecken. Viele Straßen haben hier Spielraum durch eine Verringerung der Parkplätze oder Umwandlung von Auto- in Fahrradspuren.

Eine weitere Möglichkeit zur Verbesserung der Radsituation stellen für mich Leihräder dar. Sharing-Angebote dieser Art haben sich in den letzten Jahren schnell ausgebreitet, wie eine Ramboll-Studie zeigt. Leihräder haben den Vorteil, dass sie von mehreren Personen pro Tag genutzt werden und somit weniger Abstellmöglichkeiten benötigen. Meiner Erfahrung nach sollte dabei auch die Anbindung an andere Verkehrsmittel mitgedacht werden. Abstell-Stationen sind beispielsweise in der Nähe von ÖPNV-Stationen am sinnvollsten.

Langfristig: Vernetzte Konzepte und Radschnellwege

Trotz vieler kurz- und mittelfristigen Möglichkeiten zum Ausbau des Radverkehrs, darf ein nachhaltiges und umfassendes Konzept für alle Verkehrsträger nie zu kurz kommen. Bereits in meinem letzten Beitrag zur Green Mobility habe ich die Bedeutung vernetzter Ansätze betont. Kopenhagen hat es geschafft, innerhalb weniger Jahre nicht nur ein Ziel der CO2-Neutralität zu formulieren, sondern auch Schritt für Schritt umzusetzen. Ramboll war in den Planungen stark involviert und hat gesehen, dass von der Umsetzung eines vernetzten Konzepts alle Verkehrsmittel profitieren. Unser Projekt in Berlin, an dem ich federführend mitarbeiten darf, zeigt, dass auch in der größten deutschen Stadt Raum für Radschnellwege als Teil eines vernetzen Verkehrskonzepts vorhanden ist.

Ein zukunftsgerichtetes Verkehrskonzept kommt auch beim Radverkehr nicht ohne neue digitale Möglichkeiten aus. In Deutschland besteht großer Bedarf zur Vernetzung der zahlreichen Systeme via App. Per Smartphone werden Radfahrer in Zukunft herausfinden, wo es freie Stellplätze gibt und wo das nächste Leihrad verfügbar ist. Darüber hinaus zeigen Mobilitäts-Apps sinnvolle Umsteigemöglichkeiten auf den ÖPNV an. Damit dies in naher Zukunft möglich wird, müssen Städte bereits heute daran denken, ihre Rad- und Verkehrskonzepte „digital ready“ zu machen.

Zukunft Fahrrad

Das Rad ist bei der klimaneutralen individuellen Fortbewegung der wichtigste Verkehrsträger und hat in den letzten Monaten weiter an Bedeutung gewonnen. Es muss den Städten gelingen, diesen Anstieg mit konkreten kurz-, mittel- und langfristigen Maßnahmen zu flankieren, um dem nachhaltigen Individualverkehr eine Chance zu geben. Ich arbeite bei Ramboll hart daran, diesen Anspruch zu verwirklichen – machen Sie mit!