Hinrich Brümmer

Business Development Manager Mobility & Rail

M: +49 152 53 21 83 60

Eine Norm „erleichtert den freien Warenverkehr (…) unterstützt die Rationalisierung und Qualitätssicherung (…) dient der Sicherheit von Menschen und Sachen sowie der Qualitätsverbesserung in allen Lebensbereichen“. So steht es auf der Website des Deutschen Instituts für Normung (DIN), mit der man spätestens am ersten Schultag in Berührung kommt, wenn es um die Größe von Heften geht. Hierzulande gibt es aktuell ca. 34.000 DIN-Normen und in Europa vereinfachen über 15.000 European Standards (ENs) den grenzübergreifenden Austausch von Waren, Dienstleistungen und Energie. Nachholbedarf besteht jedoch noch immer im Bereich Schienenverkehr. Während Auto- und LKW-Fahrten sowie Flugreisen grenzübergreifend schon lange kein Problem mehr sind, müssen die europäischen Bahnbetreiber bislang in der Regel immer noch ihre Triebfahrzeuge mit den verschiedenen Sicherungssystemen zusätzlich ausstatten, wenn ein Zug von einem europäischen Land in ein anderes fährt. Hinzu kommt das umständliche Procedere der Übergabe an den Grenzen. Die Umsetzung der Eisenbahnpakete auf der EU-Ebene spielt eine maßgebliche Rolle, um hier die Interoperabilität sicherzustellen.

Um nahtlosen Bahnverkehr über Landesgrenzen zu ermöglichen, sollen die Leit- und Sicherungssysteme aller europäischer Länder sukzessive vereinheitlicht und standardisiert werden (Interoperabilität). Die Einführung des European Rail Traffic Management System (ERTMS) ist eines der bislang größten und komplexesten Infrastrukturprojekte weltweit. Trotz aller damit verbundenen Herausforderungen halte ich diese Umstellung für dringend notwendig und werde im Folgenden die Eckdaten und Chancen von ERTMS für den Bahnverkehr und die Klimaziele in Europa erläutern.

ERTMS: Lange geplant, endlich umgesetzt

Die flächendeckende Vernetzung und Vereinheitlichung des europäischen Schienennetzes via ERTMS wird bereits seit den 1980er Jahren erwogen. Bis spätestens 2030 soll europaweit die Interoperabilität zwischen Zügen, Signalen und anderen Bahnstrukturen in den Kernabschnitten des Netzes gewährleistet sein. Dafür müssen etwa 20 verschiedene Leit- und Sicherungssysteme in ganz Europa vereinheitlicht und über 50 Jahre alte Techniken modernisiert werden. Ziel des Umbaus ist eine gesamteuropäische Kapazitätssteigerung um 20 Prozent und eine Verbesserung der Wettbewerbsposition der Schiene.

In Dänemark ist die landesweite Umstellung auf ERTMS mithilfe von Ramboll europaweit erstmals erfolgreich umgesetzt worden und auch andere Länder ziehen nun nach. Wir bei Ramboll sind aktuell Weltmarktführer auf diesem Gebiet und betreuen unter anderem Projekte in Schleswig-Holstein, Großbritannien, dem Baltikum und Norwegen. Meine Erfahrung aus diesen Projekten zeigt, dass die ERTMS-Umstellung zwar teuer ist, sich aber durch die zahlreichen Vorteile u.a. in den Bereichen Kapazitätssteigerung, Interoperabilität und CO2-Verringerung trotzdem lohnt.

Chance durch ERTMS 1: Güterverkehr auf die Schiene

Bereits in meinem letzten Artikel habe ich betont, dass eine zeitnahe ERTMS-Umsetzung wesentlich ist, um eines der Hauptziele im Schienengüterverkehr zu erreichen: Der Verkehrsverlagerung von der Straße auf die Schiene (u.a. DB Cargo mit dem Ziel bis 2030 25 Millionen LKW-Fahrten im Jahr auf die Schiene zu verlagern). In der Regel rechnet sich nämlich ab etwa 350-400 Kilometern der Gütertransport auf der Schiene im Vergleich zur Straße – je länger also die Transportstrecke, desto konkurrenzfähiger die Bahn. Hier sehe ich eine große Chance für die Bahn. Eine engere Vernetzung des europäischen Schienennetzes bietet auch die Voraussetzungen für weitere Innovationen wie bspw. die lückenlose Güterverfolgung per App (wie im Online-Handel), der reibungslosen Datenübergabe an den Grenzen (Stichwort TSI-TAF) oder die Einführung einer europaweit einheitlichen Digitalen Automatischen Kupplung (DAK) für Güterwagen. Diese Entwicklungen halte ich für wesentlich, um mit dem technischen Fortschritt beim LKW-Verkehr im Bereich des autonomen Fahrens oder der elektronischen Deichsel Schritt zu halten.

Wenn sich mehr Unternehmen dafür entscheiden, ihre Güter per Schiene zu transportieren, trägt dies erheblich zu den Klimazielen in Deutschland und Europa bei. Laut Statistischem Bundesamt stößt ein LKW mehr als sechsmal so viel C02 pro Tonnenkilometer aus als ein Güterzug. Wir bei Ramboll haben es uns daher zum Ziel gesetzt den europaweiten Schienenverkehr nicht nur in Deutschland zu pushen und unser vor allem in Skandinavien entwickeltes Know-how europaweit einzusetzen. 

Chancen durch ERTMS 2: Reisen mit der Bahn statt mit PKW oder Flugzeug

Die Standardisierung und Vereinheitlichung im europäischen Bahnverkehr wird meiner Ansicht nach nicht nur dem Güter- sondern auch dem Personentransport einen Schub verleihen können. Dies zeigt eindrücklich das Beispiel Dänemark. Nach Abschluss der Umrüstung können Zugreisende in Dänemark mit mehr Pünktlichkeit, kürzeren Fahrzeiten und höherer Kapazität auf vielen Strecken rechnen. Die dänische Bahn geht von einem Rückgang der signalbedingten Verspätungen auf Haupt- und Regionalstrecken um bis zu 80 Prozent aus. Dies hat nicht nur wirtschaftliche Auswirkungen, sondern kann auch gesellschaftliche Strukturen verändern: Wenn Pendeln und Reisen mit der Bahn über Grenzen hinweg nicht eine von vielen, sondern vor allem preislich die beste Möglichkeit ist. Meiner Erfahrung nach gehört zu den größten Vorteilen des ERTMS-Systems die Einsparungen durch Benutzung eines universellen Systems ohne dauernde Rücksichtnahme auf lokale Besonderheiten. Dies fördert den intermodalen Wettbewerb und führt zu niedrigeren Preisen für die Reisenden.

Ich sehe in keinem anderen Bereich der Mobilitätswende solche Potentiale zur Einsparung von CO2 wie im Fernverkehr. War der Unterschied im Ausstoß klimaschädlicher Gase zwischen Transport auf der Straße und Schiene bereits im Güterverkehr immens, gilt das im Personentransport umso mehr. Das Umweltbundesamt sieht die Bahn mit 32 Gramm CO2-Ausstoß pro Personenkilometer (g/Pkm) weit klimafreundlicher als den PKW mit 147 g/Pkm und vor allem das Flugzeug (230 g/Pkm).

Vernetzung auf der Schiene als Anfang 

Die europaweite Umstellung auf ein einheitliches Leit- und Sicherungssystem ist nur eines von Tausenden Projekten, um die Verkehrs- und Energiewende auf dem ganzen Kontinent zu verwirklichen. Es zeigt jedoch, dass durch die Vernetzung vorhandener Systeme ein schneller Fortschritt hin zu einer nachhaltigen Lebenswirklichkeit möglich wird. Wir bei Ramboll setzen diesen Ansatz nicht nur auf der Schiene um. Für mich und meine Kolleginnen und Kollegen weltweit bildet es den Grundstein unserer täglichen Arbeit, eine klimaschonende Welt von morgen zu bauen. Machen Sie mit!