Tim Fischer

Global Division Unit Manager, Offshore Wind

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„Rentiert sich nicht, aber immerhin eine symbolische Investition in die Zukunft“, so das Credo Vieler, als im Jahr 2010 der erste deutsche Offshore-Test-Windpark Alpha Ventus in Betrieb genommen wurde. Die Rotorblätter von zwölf Windkraftanlagen begannen 45 Kilometer nördlich von Borkum ihre Runden zu drehen. Dass sich das wirtschaftlich irgendwann auszahlen würde, damit rechneten wenige. 

Zehn Jahre später sieht es anders aus. Ca. 800 Marktteilnehmer allein in Deutschland sehen in der Windkraft nicht nur ein ökologisch sinnvolles Engagement, sondern agieren in einem lukrativen Geschäftsfeld. Innerhalb eines Jahrzehnts ist in Deutschland ein Multi-Milliardenmarkt entstanden und einer der zentralen Motoren, um die dringend benötigte Energiewende zu schaffen. Damit sich diese Wirkung aber tatsächlich entfalten kann, muss der Offshore-Windenergiemarkt und dessen Ökosystem jedoch deutlich wachsen – genau darin liegt die Herausforderung. 

Die Bundesregierung hat mit dem im Juni verabschiedeten Konjunkturpaket einen soliden Grundstein zum weiteren Ausbau der Windenergie gelegt: Bis zum Jahr 2030 sollen Offshore-Windenergieanlagen 20 Gigawatt erzielen statt lediglich wie bislang geplant 15 GW. Bis 2040 sollen es dann sogar schon 40 GW sein. Meiner Meinung nach ein Schritt, der dringend notwendig war, denn mit der bisherigen Deckelung wäre der Bau von zusätzlicher Offshore-Windenergie in den nächsten Jahren wahrscheinlich zum Erliegen gekommen. Von den neuen Ambitionen erwarte ich hingegen eine Belebung des Marktes. Wurde die Offshore-Windkraftwirtschaft bislang vor allem von großen deutschen oder dänischen Energieunternehmen dominiert, wird sie nun auch für Global Player wie Shell, Equinor oder Total interessant - mit positiven Effekten für den Markt, v.a. jedoch auch für die Energiewende in Deutschland. 

Gute Voraussetzungen, um die Windkraftziele zu erreichen? Jein. Denn jetzt ist integriertes, vernetztes Handeln gefragt

Doch sind die von der Bundesregierung gesetzten Ziele überhaupt erreichbar? Und wenn ja, wie? Und welche Weichenstellungen braucht es?
Beginnen wir mit einem Blick auf die durch das Konjunkturpaket entstandene, neue Ausgangssituation. Diese ist positiv, zumindest die Voraussetzungen sind gegeben. Deutschland ist ein energiepolitisch und regulatorisch stabiles Land, weshalb Investoren auch gerne hier investieren. Allein im letzten Jahr sind drei Offshore-Windparks ans Netz gegangen, die 1,1 GW neue Offshore-Kapazität erzeugen. Damit muss sich Deutschland im europäischen Zubau-Vergleich lediglich gegenüber Großbritannien geschlagen geben. Durch die Aufhebung der bisherigen Deckelung der Windenergiekapazität ist nun endlich auch ein Faktor entfallen, der den weiteren Offshore-Ausbau bislang deutlich gebremst hat. 

Dazu kommt: Platz für mehr Offshore-Windenergie ist vorhanden. Im Flächenentwicklungsplan des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie werden vor allem in der Nordsee zahlreiche Flächen ausgewiesen. Ausreichend Anbindung zur Versorgung mit Baukomponenten ist durch eine Vielzahl von Häfen garantiert. Ohnehin rechne ich damit, dass es die Industrie in den kommenden Jahrzehnten wieder verstärkt an die Küsten zieht, denn historisch siedelt sie meist dorthin um, wo der Strom produziert wird. Dies waren in der Vergangenheit der Westen und Süden, zukünftig sehe ich hier großes industriepolitisches Potential für die Küstenländer. Denn in einer mehr und mehr automatisierten und digitalisierten Welt wird günstige und nachhaltige Energie der Schlüssel zum Erfolg, und diese ist an der Küste ausreichend vorhanden.

Mehr Mut zu Wind-Wasserstoff und anderen Speichertechnologien

Dennoch gibt es trotz aller guten Vorzeichen große Herausforderungen zu bewältigen. An oberster Stelle sehe ich das Problem der weiterhin fehlenden Stromnetze, das endlich behoben werden muss. Immer wieder müssen Anlagen bei besten Windverhältnissen abgeschaltet werden, weil die Netze überlastet sind – eine massive Energieverschwendung! 
Die Umsetzung von Netzanbindungssystemen erfordert zwar großen Vorlauf, doch Lösungsansätze, die bislang unnötigerweise ein Nischendasein in der deutschen Politik fristeten, gibt es schon länger: Durch sogenannte „Power-to-X“-Technologien lässt sich etwa überschüssige Windenergie in speicherbare Energieträger wie Wasserstoff, synthetische Kraftstoffe oder Gas umwandeln. Die Niederlande geht hierbei mit gutem Beispiel voran und genehmigte zuletzt den Bau eines großen Offshore-Windparks des Energieunternehmens Shell, der ebensolche „Power-to-X“-Technologien ausführlich integrieren soll. 

Dank des Konjunkturpakets wurden nun auch 9 Milliarden Euro in den Ausbau der Wasserstoffindustrie gesteckt. Ich gehe fest davon aus, dass diese Investition auch der Windkraft zugutekommt und ihre zentrale Rolle im Kampf gegen den Klimawandel bestärkt.