Stefan Wallmann

Managing Director, Ramboll Germany

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Die Corona-Pandemie hat nicht nur unseren Lebensstil fundamental verändert, sondern auch unsere Wahrnehmung von und unseren Umgang mit der Zeit. 

Was wir im Privaten erleben, wenn wir über einen Wochenendtrip oder den Urlaub nachdenken, gilt ebenso für Wirtschaft und Politik: Es ist beinahe unmöglich geworden, länger als eine oder zwei Wochen im Voraus zu planen, weil Infektionsraten und Wirtschaftsdaten nahezu täglich eine neue Realität schaffen. Eine Realität, in der strukturiertes, langfristiges Planen nicht mehr funktioniert. Und je mehr Zukunft und Gegenwart verschmelzen, desto mehr wird perspektivisches Denken abgelöst vom Primat des Hier und Jetzt. Was bedeutet dies konkret? Und erkennen wir hier eigentlich ein Problem – oder eine große Chance?

Natürlich kann die tägliche neue Situation rund um Corona Angst bereiten, überfordernd wirken – und maximal frustrieren. Weil eben nichts mehr den über Jahre und Jahrzehnte gelernten, linear planbaren Prozessen und Abläufen gehorcht. Und dennoch, oder gerade deswegen, sehe ich in dieser Krise auch eine große Chance, vielleicht sogar die größte seit langem. Denn wenn viele – scheinbare – Gewissheiten ihre Gültigkeit gleichzeitig verlieren, ist das nicht nur ein guter Moment, sondern eben eine einmalige Gelegenheit, wirkungsvolle Veränderungen herbeizuführen – auch für den Standort Deutschland. Denn ein florierender Standort und eine gleichsam lebenswerte sowie nachhaltige Zukunft für uns als Gesellschaft lassen sich meines Erachtens nach weder mit veralteten Optimierungsmechanismen noch mit zaghaften und wenig zielführenden Versuchen realisieren. Was wir jetzt brauchen ist mutiges und vernetztes Denken und Handeln. Bildlich gesprochen: Nur wenn es uns gelingt, die Festplatte zu defragmentieren und ein neues Betriebssystem aufzuspielen, haben wir eine Chance. Aber wie gelingt es uns allen dieses neue Betriebssystem zu bauen und zu installieren – oder wie wir es nennen: #DesigningTheNewNormal?

Deutschland ist bislang vergleichsweise gut durch die Krise gekommen. Wie sich die Situation nach dem zweiten Lockdown entwickelt bleibt natürlich abzuwarten. Die führenden Wirtschaftsforscher prognostizieren, dass der konjunkturelle Einbruch mit einem Minus von fünf bis sechs Prozent sanfter ausfällt als befürchtet. Das ist auch dem Konjunkturpaket der Bundesregierung zu verdanken, das laut ifo-Institut gut einen Prozentpunkt gerettet hat. Ist es also der entscheidende Impuls, der den berühmten Ruck durch Deutschland gehen lässt? 

Ich bin mir da nicht so sicher. Noch zu oft beobachte ich in der Regierung eine Ressort- und Ministeriallogik, die den Blick auf das große Ganze vermissen lässt. Wenn unsere politischen Akteure in diesem anachronistischen Silodenken verharren, riskieren wir, das immense, ja tatsächlich gesellschaftsverändernde Potenzial des Konjunkturpakets zu verspielen.

Die neue Lebenswirklichkeit – und wie wir sie denken und voranbringen 

Denn trotz Corona bleiben die Metathemen unserer Zeit bestehen. Das sind Digitalisierung und der Klimawandel. Diese Herausforderungen können wir nur durch vernetztes Denken und vor allem Handeln bewältigen. Es ist das Wesen der Komplexität, dass alles mit allem zusammenhängt. Also sollten wir die Dinge auch gemeinsam betrachten. Die Pandemie hat diesem Geflecht eine zusätzliche Dynamik gegeben. 

Insofern wundere ich mich sehr darüber, dass sieben Monate nach dem ersten Lockdown – und auch jetzt im zweiten – immer noch keine klaren Konzepte für Home-Schooling existieren. Kam die zweite Infektionswelle wirklich so überraschend? Noch immer ist nur ein Bruchteil der Fördermittel aus dem Digitalpakt von den Schulen abgerufen worden, dabei wäre es gerade jetzt wichtig, alle Schülerinnen und Schüler mit Mobilgeräten für den digitalen Unterricht auszustatten, um eine sozial determinierte Wissenskluft nicht weiter zu verschärfen. In unserer „Designing the new Normal-Reihe“ haben meine Kolleginnen Anja Durdel und Martina Vosteen einige Lösungsansätze skizziert. 

Das Konjunkturpaket der Bundesregierung: Kurzfristiger Effekt oder nachhaltige Transformationswirkung – eine Gretchenfrage

Ich kann nur hoffen, dass die Mittel aus dem Konjunkturpaket sinnvoller investiert werden. Und der neuen Normalität angemessen. Die ins Home-Office abgewanderten Menschen haben erkannt, dass sie nicht mehr in die überteuerten Metropolen ziehen müssen, um ihrer Arbeit nachzugehen. Mit dem Ende des Urbanisierungsdrucks wird Pendeln aus dem Speckgürtel hinein in die Großstädte zunehmend attraktiver, weshalb wir auch nicht mehr von Smart Cities sprechen sollten, sondern von Smart Regions, deren Infrastruktur dringend überholt werden muss. Wie das abläuft, auf was es zu achten gilt, und wie man vernetzt weiterdenken kann? Das können Sie unter anderem in den Debattenbeiträgen meines Kollegen Davis Eisape nachlesen. 

Die Mobilität der Zukunft wird nicht eine lineare Lösung sein. Weil nichts mehr linear und einfach sein kann, muss in einer digitalisierten und vernetzten Welt anders gedacht werden. Vielmehr wird die Mobilität der Zukunft eine Kombination aus Individualverkehr im Auto oder mit dem Fahrrad und dem Öffentlichem Nahverkehr sein; ein Mix aus eigenen Fahrzeugen und Sharing-Angeboten. Mit Mobility Hubs am Rande der Großstadt. Das erfordert eine flächendeckende Versorgung mit Ladestationen und/oder Wasserstofftankstellen – und selbstverständlich einen raschen Ausbau des 5G-Netzes. Was lernen wir daraus? Nun, die Themen des letzten Absatzes sind allein betrachtet wirkungslos, sie müssen vernetzt weitergedacht werden. Wer sich mit Details und ebensolchen Lösungsansätzen beschäftigen mag, dem empfehle ich dazu auch die beiden Beiträge meines Kollegen Torsten Perner zu Green Mobility und dem Ausbau der Radinfrastruktur

Was die Digitalisierung von Planungsprozessen und ein Aufzug gemeinsam haben

Als Ingenieur bin ich von Berufswegen ein absoluter Sympathisant von klaren, klugen Prozessen. Wobei mit Blick auf die aktuelle Realität vielerorts – in Bezug auf die Gestaltung von Zukunftsaufgaben – weder das Wort „klar“ noch „klug“ tatsächlich angebracht sind. Wir planen und verändern immer noch mit den Logiken aus einem Zeitalter, bei dem die Digitalisierung noch nicht zentraler Taktgeber des täglichen Lebens war. Was bedeutet das? Wir brauchen effizientere, unbürokratische Prozesse, um das träge Betriebssystem der Bundesrepublik endlich zu beschleunigen. Die Digitalisierung kann dabei wie ein Katalysator wirken. Wenn man sich Planungsverfahren wie ein Treppenhaus vorstellt, dann helfen digitale Tools dabei, einige Stufen zu überspringen. Oder gleich den Aufzug zu nehmen. 

Wir bei Ramboll stehen für exakt diese holistische Sichtweise, für ganzheitliche Konzepte, die bei aller Detailversessenheit immer das große Ganze denken und nie den Menschen aus dem Fokus verlieren. Wenn wir über Vernetzung sprechen, dann ist Bürgerbeteiligung dabei ein zentrales Element. Was nutzen schon historische Investitionen und die besten Konzepte, wenn der gesellschaftliche Konsens fehlt? Und der war noch nie so wichtig wie in Zeiten der Krise.