Dr. Anja Durdel

Business Manager, Education and Social Welfare

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Was erfolgreiches Lernen ausmacht, hat der Neuseeländer John Hattie schon 2009 in der viel diskutierten Studie „Visible Learning“ untersucht und dabei auch den Einsatz von Computern thematisiert. Er fand heraus, dass ein effektiver Einsatz von Computern mit einer Vielfalt an Lehrstrategien und Lerngelegenheiten, mit Vortrainings zur Nutzung, mit der Kontrolle durch Lernende und mit optimalem Feedback einhergehen muss. Hattie erweiterte den seitdem stetig weiterwachsenden Erkenntnisstand darüber, wie digitales Lernen wertvoll wird. Nun - im Jahr 2020 - haben wir daher nicht das Problem der Unwissenheit darüber, was für erfolgreiches digitales Lehren und Lernen notwendig ist, sondern: Wir haben ein Umsetzungsproblem. 

Das Umsetzungsproblem der digitalen Bildung

Das Konjunkturpaket stellt Mittel bereit, um die technischen Grundlagen und die Technikwartung als Voraussetzung für digitales Lernen an Schulen zu schaffen. Gleichzeitig gibt es im Konjunkturpaket die Forderung, dass die Länder verstärkt in die Weiterbildung von Lehrkräften investieren sollen. Das ist wichtig, denn wir benötigen, wie ich in meinem letzten Artikel schrieb, neben der technischen Ausstattung die nötigen Kompetenzen und die Bereitschaft, gewohnte Muster und Widerstände zu durchbrechen.

Nun muss vieles gleichzeitig bereitstehen: Ein gutes Management bei der Ausstattung der Schulen sowie gemeinsame Kraftanstrengungen der Länder, Hochschulen, Fortbildungsinstitute, jedes Lehrerkollegiums und jeder einzelnen Lehrkraft. Denn Schülerinnen und Schüler brauchen die Chance, jederzeit innerhalb und außerhalb des Klassenzimmers ihr Lernen mit Unterstützung von Lehrkräften und digitalen Tools erfolgreich zu gestalten. Am besten gewinnen wir die Lehrenden bereits in ihrem Studium für „visible Learning“, begleitet durch den effektiven Einsatz von Computern. 

Digitalkompetenzen in der Lehrerausbildung verankern 

Lehrerinnen und Lehrer sind von entscheidender Bedeutung für den Erfolg des Bildungssystems. So steht es in der Bund-Länder-Vereinbarung für die „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“ von 2013, die die Grundlage für das größte bundesweite Fördervorhaben für eine bessere Lehrerbildung seit Jahrzehnten ist. Bereits im Zwischenbericht unserer Evaluation dieses Bund-Länder-Förderwettbewerbs haben mein Team und ich betont, dass die Digitalisierung in der Qualitätsoffensive noch zu wenig Beachtung findet. Wir konnten sehen, dass in einigen Projekte digitale Hilfsmittel erforscht und eingesetzt wurden, um inklusiv den unterschiedlichen Lernvoraussetzungen von Schülerinnen und Schülern gerecht zu werden. Aber in der Breite der Projekte spielte die Digitalisierung eine zu geringe Rolle. Das BMBF hat 2018 mit einer zusätzlichen Förderlinie „Digitalisierung in der Lehrerbildung“ reagiert. Schon die Titel der darin geförderten Hochschulprojekte zeigen, dass Digitalkompetenzen damit so nachhaltig in die Lehrerbildung gebracht werden sollen, dass sie nie wieder vergessen werden, z.B. „Research - Relevance - Responsibility, Aufbau eines nachhaltigen Forschungs- und Transferzentrums“ (Tübingen) oder „Digitale Lücken in der Lehrkräftebildung schließen: Aufbau digitaler Kompetenzen in der Lehramtsaus-, -fort- und –weiterbildung“ (Frankfurt).

Viele Hochschulprojekte beschränken sich nicht nur auf ihre Hochschule, sondern binden das Referendariat, die Lehrerfortbildung und Schulen gleich mit ein. In NRW geschieht dies sogar nahezu landesweit, indem 12 Hochschulen in einem Projekt mit den Akteuren der zweiten und dritten Phase der Lehrkräftebildung „Communities of Practice“ bilden. In den Projekten wird dadurch eine Schlüsselvariable für erfolgreiche Digitalisierung in der Lehrkräftebildung adressiert: Denn wir benötigen Kooperation! Gebraucht werden integrierte Konzepte, die sich auf alle Phasen der Lehrkräftebildung beziehen und die Rückendeckung von der Landespolitik erhalten. Ich bin mir sicher: COVID-19 wird allen Landesregierungen vor Augen geführt haben, dass der digitalen Bildung höchste Priorität eingeräumt werden muss. Die Projekte an den Hochschulen können dafür der dringend benötigte Impuls sein. 

Die Chance auf einen „systemic change“ 

Der DigitalPakt für Schulen, das Konjunkturpaket und die zusätzliche Förderlinie „Digitalisierung in der Lehrerbildung“ bilden in Deutschland aktuell eine Basis, mit der bundesweit ein echter Wandel gelingen kann - wenn alle ihren Teil dazu beitragen! Unser Team evaluiert die „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“ auch in der zweiten Förderphase und hat damit die Gelegenheit zu untersuchen, welche Veränderungen und Entwicklungen von den Hochschulen für die „Digitalisierung in der Lehrerbildung“ ausgehen. Indem wir herausarbeiten, was die Projekte dabei fördert und behindert und wie die Erkenntnisse breit an alle lehrerbildenden Institutionen in Deutschland gestreut werden können, werden wir hoffentlich den Erfolg der Vorhaben und einen nachhaltigen Wandel in der Lehrerbildung stützen können.