Annalena Warburg

Division Unit Manager, Energy Systems

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Wer kennt es nicht, das berühmte Knallgas-Experiment aus der Schule: Wasserstoff und Sauerstoff reagieren dabei unter blitzartiger Freisetzung von Energie zu Wasser, was den bezeichnenden Knalleffekt erzeugt. Generationen von Schülern, ich eingeschlossen, bekamen anhand dieses Experiments das energetische Potenzial von Wasserstoff anschaulich verdeutlicht. Doch auch wenn die Möglichkeiten Wasserstoff als Energieträger zu nutzen schon lange bekannt sind, blieb der Durchbruch bei der flächendeckenden Umsetzung entsprechender Konzepte bislang aus. 

Steht jetzt aber der Durchbruch bevor? Jedenfalls ist Wasserstoff hierzulande mit der im Konjunkturpaket verkündeten Nationalen Wasserstoffstrategie der Bundesregierung wieder en vogue. Nicht weniger als 9 Milliarden Euro stellt der Bund für die Förderung des „Schlüsselelements der Energiewende“ zu Verfügung. Dabei sollen die Mittel zwar auch in Forschung fließen. In erster Linie sollen sie aber Maßnahmen finanzieren, die den grünen Wasserstoff als Energieträger und auch Energiespeicher endlich wettbewerbsfähig machen sollen gegenüber seinen fossilen Konkurrenten Kohle, Erdöl und Erdgas.

Ein Wendepunkt für Wasserstoff – aber auch fürs Klima?

Anders ausgedrückt: Die Bundesregierung geht mit ihrer Wasserstoffstrategie endlich die bisherigen „Problemzonen“ der grünen Wasserstoffwirtschaft an. Namentlich fehlende Wirtschaftlichkeit, mangelnde Abnahmekapazitäten und nicht oder nur rudimentär existierende Transport- und Verteilinfrastruktur. Insgesamt 38 konkrete Maßnahmen sollen diese Problemzonen nun beseitigen: So sollen beispielsweise zeitnah mit regulatorischen Anpassungen und Investitionsförderungen der Ausbau der grünen Wasserstofferzeugung mittels Elektrolyse angestoßen werden, alte Erdgas-Leitungen für die Versorgung mit Wasserstoff umgewidmet werden und ein Netzwerk an Wasserstofftankstellen an Straßen, Schienen und Wasserwegen entstehen. 

Dass all dies jetzt passiert ist meiner Meinung nach ein positiver – und vor allem überfälliger – Wendepunkt für Wasserstoff in Deutschland. Wasserstoff wird sich hierzulande in den kommenden Jahren etablieren, damit ist nun zu rechnen. Was aber bedeutet das für die Energiewende insgesamt? Ist das Klima jetzt gerettet?
Die Antwort ist natürlich nein. Auch Wasserstoff ist kein Allheilmittel, das allein betrachtet die CO2-neutrale Zukunft bringt. So eine Allzweckwaffe gibt es leider nicht, und genau das ist der Punkt: Nicht Wind, Sonne oder Wasserstoff alleine werden das Klima retten, denn keiner der genannten grünen Energieträger könnte für sich betrachtet unseren Energiebedarf stillen – auch unter den besten Rahmenbedingungen nicht.

Nur vernetztes Denken bringt die Energiewende voran 

Vielmehr müssen wir die verschiedenen nachhaltigen Energieträger als sich gegenseitig ergänzende Teile eines Gesamtsystems sehen, das nur im Zusammenwirken seiner Bausteine miteinander funktioniert. Denn erneuerbare Energiequellen wie Wind und Sonne haben einen offensichtlichen Nachteil: Ihr Output ist wetterbedingt und damit nicht oder nur schlecht fest kalkulierbar. Um Versorgungssicherheit zu gewährleisten, müssen wir bereit sein, vernetzt zu denken und die verschiedenen grünen Stromquellen geschickt miteinander kombinieren. Silodenken jedoch ist eine Tradition des fossilen Zeitalters, von der wir uns beim Aufbau zukünftiger Energiesysteme verabschieden sollten. Außerdem geht es darum, für die vielfältigen Energieverbraucher passende Erzeugungssysteme zu entwerfen. Je nach Branche, lokalen Gegebenheiten und individuellen Anforderungen ergeben sich unterschiedliche Versorgungstechnologien und Energieträger.

Wasserstoff spielt in diesem grünen Energiemix nicht nur als Energieträger eine Rolle. Denn wie eingangs schon angesprochen kann Wasserstoff auch als Energiespeicher genutzt werden. Das zeigt: Ohne Wasserstoff geht es also in Sachen Energiewende tatsächlich nicht. Nur für sich betrachtet wird jedoch auch Wasserstoff nicht zum Klimaretter – erst die Vernetzung der verschiedenen grünen Energiequellen ermöglicht eine klimaneutrale Zukunft. Kurzum: Wasserstoff ist als wesentlicher Baustein künftiger Energiesysteme ein Teil der Lösung – aber nicht die Lösung an sich. Lassen Sie uns jetzt gemeinsam diese vernetzte Zukunft gestalten!