Tim Fischer

Global Division Unit Manager, Offshore Wind

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Die deutsch-dänische Zusammenarbeit beim Großprojekt Offshore-Windenergie hat kürzlich einen neuen Meilenstein erreicht: Ein neuer Interkonnektor ermöglicht künftig den Transport und Austausch von Offshore-Windstrom in beide Länder. Bei dieser sogenannten Combined Grid Solution (CGS) handelt es sich um eine Innovation, denn es entsteht die erste Stromverbindung zwischen zwei Ländern, die sowohl Offshore-Windstrom an Land transportiert als auch Kapazitäten für den Stromhandel bereitstellt.

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier bezeichnet das Projekt berechtigterweise als „europäisches Leuchtturmprojekt für die grenzüberschreitende Zusammenarbeit im Bereich Windenergie auf See.“

Dabei scheint es aktuell so, dass eine deutsch-dänische Windenergie-Kollaboration durchaus etwas einseitig ausfallen könnte. Die Dänen werden in Zukunft nämlich dank ihrer sehr ambitionierten Klimaziele über eine ganze Menge Strom verfügen, den sie Richtung Deutschland senden können: Künstliche Energieinseln sollen in den kommenden Jahren einen Zehn-Gigawatt-Windkraftcluster bilden – zunächst jeweils eine in Nordsee und Ostsee, bis 2030 noch weitere. Dabei wird das Land den entstehenden Windstrom häufig nicht selbst und sofort gebrauchen können. Deshalb werden die Energieinseln den Strom über Sektorkopplungsanlagen in andere Energieformen wie Wasserstoff umwandeln, aber auch in andere Länder exportieren. Der Grundstein für die Belieferung von Deutschland wurde mit dem kürzlich eingeweihten Interkonnektor gelegt. In Zukunft sind auch Übertragungsleitungen in die Niederlande und nach Polen geplant.

Die dänischen Klimaprojekte erfüllen eine klare Vorbildfunktion

Solch große Vorhaben – immerhin handelt es sich bei den geplanten Energieinseln um nichts geringeres als den größten Offshore-Windpark der Welt – sollten die deutsche Regierung meiner Ansicht nach in Erklärungsnot bringen, denn sie machen deutlich:  Dänemark ist Deutschland beim Thema Energiewende deutlich voraus. Tatsächlich hatte Dänemark schon immer einen kleinen Vorsprung im Kampf gegen den Klimawandel, denn bereits Anfang der 90er hat das Land das Thema Windkraft für sich entdeckt. Fast still und heimlich haben die Dänen seither eine Vorreiterrolle inne. 2017 wurden bereits 43% des dortigen Energiebedarfs durch erneuerbare Energien gedeckt. 
Auch das von der dänischen Regierung im Juni verabschiedete Klimapaket hat wieder Vorbildfunktion: Egal ob beim Ausbau der erneuerbaren Energien, bei klimagerechter Stadtmobilität oder beim Umstieg von fossilen Heizsystemen auf klimaschonende Mittel – Dänemark ist in fast allen Bereichen weiter als Deutschland. Zwar haben sich beide Länder ähnliche Ziele gesetzt – Klimaneutralität bis 2050 – doch nur in Dänemark scheint dieses Vorhaben aktuell tatsächlich realistisch.

Klimaschutz vs. Wirtschaftlichkeit: Die Bundesregierung muss umdenken

Woran hakt es also in Deutschland? An gutem Willen fehlt es zumindest nicht, wie das kürzlich verabschiedete Konjunkturpaket belegt. Damit wurden bisherige Ziele nach oben korrigiert, sodass zum Beispiel die Offshore-Windenergie bis zum Jahr 2030 20 GW statt wie bislang geplant lediglich 15 GW produziert. Auch in Bereiche wie die Wasserstoffindustrie, die etwa die Speicherung überschüssiger Offshore-Windenergie ermöglicht, wird ordentlich investiert. 

Dennoch muss man feststellen, dass es an dem Mut fehlt, der ambitionierte Projekte wie die dänischen Energieinseln ermöglicht. Das liegt besonders daran, dass in der Bundesrepublik Klima- und Wirtschaftspolitik häufig als Gegensätze betrachtet werden. Statt wie Dänemark die Energiewende als Wirtschaftsmotor der Zukunft zu begreifen, gilt Klimaschutz in Deutschland vor allem als wirtschaftliche Belastung. Das Vertrauen in die Lukrativität erneuerbarer Energien ist gering. Die Industrie darf derweil nicht mit allzu vielen Grenzwerten und Auflagen gegängelt werden, so die oft einhellige Meinung der Regierenden. Dieser Ethos war in den letzten Monaten häufiger in Aktion zu beobachten: Die 9 Milliarden teure Rettung der Lufthansa wurde etwa von der Regierung an keinerlei Klimabedingungen geknüpft, ganz anders als z.B. die Rettung von Air France in Frankreich. 

Die Bundesregierung hat mit dem Konjunkturpaket durchaus signalisiert, dass sie gedenkt, eine europäische Führungsposition im Kampf gegen den Klimawandel auszufüllen. Damit ihr das auch gelingt, muss sie allerdings ihre Haltung gegenüber dem Klimaschutz und dessen Wirtschaftlichkeit überdenken – und sich ein Beispiel an den Nachbarn im Norden nehmen, die ihr um einige Schritte – und einige Energieinseln – voraus sind.