Dr. Martina Vosteen

Principal

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Alle Welt schaut auf die Wirtschaft: Fabrikhallen öffnen, Fließbänder laufen wieder. Wer jetzt aber denkt, das produzierende Gewerbe befindet sich auf dem Weg „Back to Normal“, der irrt. Vielerorts haben sich Krisenstäbe formiert, die neue Informationen hinsichtlich Covid-19 und deren Auswirkungen auf den Betrieb bewerten. In meiner Funktion als Leiterin der globalen Abteilung Health Science bei Ramboll, berate ich auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse solche Krisenstäbe und Entscheidungsträger in der Industrie. Um einen stabilen und sicheren Produktionsanlauf zu gewährleisten, rate ich ihnen – vor allem anderen – an den folgenden vier Stellschrauben im Unternehmen zu drehen: Hygienemaßnahmen, Wege- und Belüftungskonzepte, soziales Miteinander und Personalplanung.

Hygienemaßnahmen als Standard im Alltag

Die wichtigste Grundregel für mich ist: Der Mindestabstand von 1,50 Metern. Ist dies nicht möglich, müssen Masken oder Trennwände eingesetzt werden. Ebenso sind eine verstärkte Handhygiene und das Bereitstellen von Desinfektionsmittel an strategischen Punkten im Arbeitsbereich nötig. Die Reinigung von oft berührten Flächen, wie zum Beispiel Türklinken, dämmt die Infektionsgefahr zusätzlich ein. Aus meiner Sicht nicht sinnvoll: Großflächige Desinfektion durch Begasung. Zu belastend und gefährlich sind die eingesetzten Mittel – vor allem auf lange Sicht. Stattdessen können individuelle Testverfahren sinnvoll sein, um Infektionsherde frühzeitig zu erkennen.

Unverzichtbar: Neue Wege- und Belüftungskonzepte

Ich bin der Meinung, dass bauliche und strukturelle Anpassungen für neue Lüftungs- und Wegekonzepte fokussiert werden sollten. Ein guter Luftaustausch ist nach den aktuellen Informationen zu Aerosolen essenziell, weshalb die Modernisierung von Klima- und Belüftungsanlagen hohe Priorität hat. CO2-Sensoren können helfen die Luftqualität zu bewerten und indirekt Schlüsse zur Aerosolkonzentration im Raum geben. Hinzu kommen geänderte Wegekonzepte für zahlreiche Bereiche der Produktion, sodass sich Kollegen möglichst wenig begegnen. Kontaktlose Logistikprozesse, gestaffelte Schichtwechsel- und Pausenzeiten, neue Schichteinteilungen – zum Beispiel kleinere Gruppen oder zeitversetztes Arbeiten – sind nur einige Beispiele. Unternehmen, die bereits vor der Krise auf Digitalisierung gesetzt haben, sind nun klar im Vorteil, denn Mitarbeiter-Apps oder Online-Verifizierung von Lieferanten erleichtern die Umsetzung der gesetzlichen Auflagen.

Anderer Umgang, sicheres Miteinander

Wie begrüßt man sich? Ist ein High Five erlaubt? Für uns alle ist diese Situation neu und produziert Unsicherheiten im Umgang miteinander. Unternehmen können diese reduzieren, indem sie praxisnahe und gut aufbereitete Informationen streuen, Handlungsempfehlungen und Guidelines entwickeln und diese aktiv kommunizieren. Denn ein Miteinander am Arbeitsplatz soll und muss natürlich trotzdem stattfinden. Einerseits, um Teamgeist und Motivation zu stärken und andererseits, um die Leistungsbereitschaft trotz der Umstände aufrecht zu erhalten. Aber: Gerade Kantinen und Aufenthaltsräume bergen erhöhte Ansteckungsgefahr und müssen sicherer gemacht werden. 

Flexible Personalplanung und Arbeitszeitmodelle

Nach einigen Wochen im Home Office werden die Büros langsam wieder voller und wir alle profitieren von dem direkten Austausch. Doch für Menschen, die einer der Risikogruppen angehören, ist der tägliche Arbeitsweg schlichtweg zu gefährlich. Deshalb sollten auch in Zukunft Möglichkeiten wie Home Office – sofern sinnvoll – so gut wie möglich ausgeschöpft werden, um Mitarbeiter zu schützen. Außerdem braucht es Notfallpläne – flexible Lösungen, die unmittelbar abrufbar sind, wie Bereitschaftsdienste oder Springer. Denn: Im Falle eines infizierten Mitarbeiters kommt es kurzfristig zum Ausfall einer ganzen Personalgruppe. Ich bin überzeugt, dass dem vorgebeugt werden kann – aber nur, wenn sich Jeder und Jede mit einbringt.

Die Pandemie hat uns gezeigt, wie wichtig Notfallpläne und Flexibilität in der Wirtschaft, aber auch in anderen gesellschaftsrelevanten Bereichen, wie Bildung und Kinderbetreuung, sind. Trotz aller momentaner Unsicherheiten, ist für mich eines klar: Ein Zurück gibt es nicht, sondern nur ein Vorwärts in den Arbeitsalltag mit dem Virus. Ein Alltag, den wir jetzt gestalten können, in dem wir das „New Normal“ definieren. Ein Alltag, der uns Impulse für Digitalisierung und moderne Arbeitsbedingungen gibt. Ein Alltag, der uns antreibt, einen Schritt in Richtung Zukunft zu gehen.