Dr. Martina Vosteen

Principal

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Wie bei so vielen hat sich mein Arbeitsleben Anfang des Jahres stark verändert – nicht nur, weil ich ins Home-Office gewechselt bin, sondern auch, weil ich mich seither einer neuen Aufgabe widme. Als Teil der Corona-Taskforce bei Ramboll berate ich als Chemikerin, gemeinsam mit meinen Kolleginnen und Kollegen aus anderen Fachbereichen unterschiedlichste Unternehmen und öffentliche Institutionen zu pandemiesicheren Prozessen. Dabei versuchen wir mithilfe der täglich neuen Erkenntnisse zu dem Virus und den Anreizen aus dem Konjunkturpaket Antworten auf Fragen zu finden, wie etwa: Wie kann ein Betrieb sicher wieder hochgefahren werden? Wie schützt man Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter?

In den Fokus müssen jetzt aber auch Bildungs- und Betreuungseinrichtungen rücken, denn die Sommerferien neigen sich bundesweit dem Ende. Die Gegebenheiten in Industrie und pädagogischen Einrichtungen sind ähnlich: Überall, wo viele Menschen über einen längeren Zeitraum zusammenkommen, herrscht erhöhte Infektionsgefahr. Dennoch: Der Betrieb muss wieder in Gang kommen. Was muss also jetzt getan werden?

Hygienekonzepte sind die Theorie – praktische Maßnahmen fehlen bislang

Ein sicherer Kita- und Schulstart kann gelingen – wenn auch unter bestimmten Voraussetzungen. Bundesländer mit frühem Schulstart, wie Berlin und Mecklenburg-Vorpommern, hatten schon eher Hygienekonzepte ausgearbeitet, Bayern und andere Länder haben Anfang August nachgelegt. Diese sind unbedingt notwendig, aus meiner Sicht jedoch keinesfalls hinreichend. Die vergangenen Wochen zeigen: trotz Hygienekonzepten entstehen nach den Ferien vermehrt Infektions-Hotspots; Schulschließungen sind die Folge. 
Um einen sicheren Schulbetrieb zu ermöglichen, braucht es ein gestaffeltes und vernetztes Vorgehen basierend auf drei praxisorientierten Maßnahmen, die sofort umgesetzt werden müssen:

  1. Testlogiken festlegen 
  2. Qualifizierte Hygienebeauftragte einsetzen
  3. Individuelle Konzepte für jede Einrichtung erstellen

1. Testlogiken
Neben Hygienekonzepten ist eine epidemiologisch und statistisch verankerte Teststrategie als Präventions- und Kontrollinstanz ratsam. So können Infektionsherde früh erkannt und eingedämmt werden, eben ohne, dass es gleich einer ganzen Schulschließung bedarf. Natürlich macht es keinen Sinn, alle Schülerinnen und Schüler zu testen. Eine gewisse Testlogik an den Schulen könnte aber langfristig Stabilität erzeugen und ein erneutes Auf und Ab, dem weder Kinder noch Eltern mehr gewachsen sind, verhindern.

2. Hygienebeauftragte 
Jede Einrichtung und jedes Gebäude hat andere Voraussetzungen und Begebenheiten, auf die individuell reagiert werden muss. Sanitäranlagen müssen modernisiert, Lüftungskonzepte erstellt werden. Ein regelmäßiger Luftaustausch ist für alle Räumlichkeiten essenziell. In Räumen mit erhöhter Aerosolbildung, wie Sporthallen, Duschräumen, Musikräumen mit Gesang oder Blasmusik sollten gesonderte Maßnahmen getroffen werden, denn Aerosole können Studien1) zufolge bis zu 16 Stunden lang aktive Viren tragen. Es sollte Hygienebeauftragte oder Expertinnen und Experten geben, die die Lage vor Ort einschätzen und Empfehlungen aussprechen, Tests durchführen, Informationen richtig aufbereiten und bereitstellen. Wir brauchen Experten vor Ort, die diese Aufgabe übernehmen. Denn ich bin davon überzeugt, dass nicht die Lehrkräfte diese Aufgabe zusätzlich übernehmen können. Die hybride Unterrichtsformen mit oftmals dürftiger Ausstattung und die intensive Betreuung der Kinder in dieser Ausnahmesituation verlangen ihnen derzeit alles ab. 

3. Individuelle Konzepte für jede Einrichtung 
Ich finde, es reicht einfach nicht, Regeln und Konzepte aufzustellen, die Einrichtungen dann aber mit deren Umsetzung allein zu lassen. Hier ist die Kooperation zwischen Bund, Ländern und den zuständigen Behörden gefragt! Pädagogische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen eng in Hygienekonzepte eingewiesen werden, denn sie sollten das Virus, Übertragungswege und -raten, Prävention und Konsequenzen verstehen. Nur so können sie die Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit der Maßnahmen an die Kinder vermitteln und so ein sicheres Miteinander erleben. 

Die aktuelle Lage

Im Konjunkturpaket werden nun eine Milliarde Euro für eben diese Umbau- und Hygienemaßnahmen bereitgestellt – offen bleiben jedoch Fragen, die viel pragmatischer, alltagsbezogener sind: Wie werden Abstandsregeln umgesetzt? Sollte die Maskenpflicht auch im Klassenzimmer bestehen? Dürfen Kinder noch zusammenspielen? Auch hier braucht es wieder Expertise, Information und Bewertung – denn eine Pauschalantwort gibt es nicht. Die Gelder aus dem Konjunkturpaket helfen sicherlich, um langfristig Rückstände zu verkleinern und bessere Grundvoraussetzungen zu schaffen. Es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Gleichzeitig ist die Notwendigkeit des Pakets ein Zeichen, dass wir zukünftig mehr Wert auf Modernisierung und Digitalisierung von Bildungs- und Betreuungseinrichtungen legen müssen. 

Was wir aber jetzt brauchen, sind Kooperation und Vernetzung – zwischen Bund und Ländern, Behörden und Einrichtungen, aber auch zwischen den verschiedenen Bereichen unserer Gesellschaft. Nur so können die genannten Maßnahmen schnell und effektiv umgesetzt werden.

Täglich, wenn nicht stündlich, gibt es neue Erkenntnisse hinsichtlich Covid-19. Wir alle müssen also weiterhin bereit sein, zu lernen, flexibel zu bleiben und Synergien zu nutzen, um gemeinsam Lösungen zu entwickeln und Neues normal werden zu lassen.

1) University of Pittsburg u.a., „Comparative dynamic aerosol efficiencies of three emergent coronaviruses and the unusual persistence of SARS-CoV-2 in aerosol suspensions“, verfügbar unter https://www.medrxiv.org/content/10.1101/2020.04.13.20063784v1.article-info